Agricole und die Vorleserin

(Enthalten im Agricole-Band 11, den sie über den shop für nur € 10,- erwerben können)

1.

Manchmal ließ sich Kommissar Pierre Agricole von seiner Frau Christine Zeitungsartikel vorlesen. Er liebte das, die Gedanken schweiften frei umher, während seine Frau laut einen Artikel über einen Maler, über ein Fest in irgendeiner französischen Kleinstadt oder sonst ein erwähnenswertes Ereignis las. Nur von Kriminalfällen wollte er dann nichts hören. Die waren schließlich sein Beruf.

"Hör mal, Pierre. Hier steht etwas Seltsames über den Tod eines Henri Volkère. Der scheint während einer Vorlesestunde von der vorlesenden Person unbemerkt eingeschlafen zu sein und ist dann nicht wieder aufgewacht. Erst eine Stunde später wurde bemerkt, dass er gestorben war. Meinst du, man kann jemanden mit Worten töten? ... Ich weiß auch nicht, wie ich auf diese seltsame Frage komme."

Christine hatte die Zeitung sinken lassen und sah ihren Mann mit einem sonderbaren Gesichtsausdruck an. Sie schien tatsächlich selber erstaunt zu sein über diesen Gedanken.

"Wirklich eine seltsame Frage, Chérie", brummte ihr Mann, der in seinem Lieblingssessel saß.

Pierre Agricole war ein großer, massiger Mann. Deshalb liebte er diesen Sessel besonders, in dem er bequem Platz fand.

"Wenn man jemanden töten will, braucht man dazu Gift ... oder eine Waffe."

"Dieser Abel Rigolais ist doch von der Terrasse im fünften Stock geschubst worden, oder?"

Agricole schmunzelte. Gegen den Scharfsinn und das gute Gedächtnis seiner Frau war er machtlos.

"Also gut, eine Terrasse, damit geht es auch. Aber nur Worte ... das kann nicht sein."

2.

"Morgen, Richard. Alles klar?"

Eben hatte Agricoles Partner und Freund das gemeinsame Büro betreten.

"Bei mir schon ... und du? Auch alles klar?"

Das Telefon auf Agricoles Schreibtisch klingelte. Dieser hob ab.

"Agricole, Mordkommission ... ah, bonjour Monsieur le Préfet. ... Ist gut, wir kommen beide. Richard ist heute ungewöhnlich früh hier."

Er grinste seinen Partner vergnügt an. Der kam in der Regel später als Agricole ins Büro.

Fünf Minuten später standen die beiden Kommissare der Pariser Mordkommission vor dem imposanten Schreibtisch ihres Chefs, des Polizeipräfekten Bernard Marou. Marou war etwas jünger als sein ‚bester Kommissar‘ Pierre Agricole, dabei einige Jahre älter als dessen Partner. Offenbar fühlte er sich Agricole gegenüber immer etwas unsicher, was sich auf sein Verhalten diesem gegenüber auswirkte.

"Also, was gibt es, Monsieur", fragte Agricole freundlich lächelnd, "Schon wieder ein Ermordeter?"

"Ein Toter schon, aber was dahintersteckt, ist völlig unklar, Agricole", war die Antwort des Präfekten.

"Also, wie gehabt, Monsieur Marou", warf Richard Renoir ein.

"Nicht ganz, Renoir. Hier liegt definitiv kein erkennbares Tötungsdelikt vor."

"Also, schildern Sie doch einfach genau, was vorliegt. Monsieur le Préfet. Wir sind ganz still, nicht, Richard?"

Der verstand und nickte. Agricole sprach wie immer mit ruhiger und freundlicher Stimme. Das war es wohl, was den Präfekten so unsicher machte.

"Ein gewisser Emilio Buongiorno, trotz des Namens französischer Staatsbürger, hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Der Vater seiner Frau, ein gewisser Henri Volkère, sei von jemandem vom Leben in den Tod befördert worden. Buongiorno ist Arzt und weiß also, wovon er spricht. Er ist davon überzeugt, dass jemand bei dem Tod des Schwiegervaters nachgeholfen hat. Hier, Agricole. Seine Adresse ... die von diesem Buongiorno."

Marou reichte Agricole ein Stück Papier.

"Haben Sie auch die von dem Toten, Monsieur le Préfet? Das könnte auch hilfreich sein."

Das war Richard Renoir. Marou sah etwas ärgerlich aus, ärgerlich darüber, dass er nicht an die zweite Adresse gedacht hatte.

"Natürlich, entschuldigen Sie. Hier."

Er reichte auch Richard Renoir ein Stück Papier.

"Rue Asparague, weißt du, wo das ist, Richard?"

Der studierte gerade seinen Zettel.

"Mmh? Äh, irgendwo an der Seine ... ziemlich weit draußen. Aber die Place Mondial, das ist gar nicht so weit weg. Fahren wir da zuerst hin?"

Bernard Marou schaute von Einem zum Anderen. Er sah, die Sache nahm ihren Lauf.

"Also, Agricole, Renoir, ich sehe, Sie stürzen sich gleich in medias res. Gut so. Erstatten Sie mir vielleicht noch heute Bericht."

3.

Sie fuhren schließlich doch zuerst zur Rue Asparague Nummer hundertachtundfünfzig. Hier hatte Emilio Buongiorno seine Praxis.

"Sieh mal, Richard, Frauenarzt. Wäre das nicht was für dich?"

Agricole sah seinen Partner vergnügt an. Richard Renoir war Frauen gegenüber durchaus aufgeschlossen; sehr aufgeschlossen sogar. Aber das hier war schließlich etwas anderes.

"Frauenarzt? Nein, nein, das wäre gar nichts für mich. Ich lass mich lieber selber von denen verarzten."

Agricole klingelte und gleich darauf summte es. Die Tür ließ sich nun öffnen. Im zweiten Stock machte es der Kommissar genauso und betrat nun mit Richard Renoir die Praxis von Docteur Buongiorno. Hinter der Empfangstheke sah eine junge Frau überrascht auf.

"Äh ... ", begann sie zu sprechen.

"Nein, wir haben keinen Termin, Mademoiselle."

Seinem Tonfall nach gefiel die junge Frau dem Kommissar Renoir.

"Wir möchten nur kurz den Doktor sprechen."

"Den ... Doktor?"

Die junge Frau sah noch überraschter aus.

"Ei ... nen Moment."

Sie erhob sich, sie trug einen pfirsichfarbenen Hosenanzug unter dem hellblauen Kittel, wie man jetzt sehen konnte, und verschwand durch eine Tür rechts der Theke.

Keine zwei Minuten später tauchte sie wieder auf, hinter sich einen kleinen, schwarzhaarigen Mann in einem ebensolchen Kittel wie sie ihn trug – den Doktor Emilio Buongiorno. Auch dieser sah die beiden Männer, den massigen Pierre Agricole sowie den schlanken Richard Renoir, erstaunt an.

"Meine Herren?"

Agricole ergriff das Wort.

"Agricole, Monsieur", und dann leiser, "Kommissar Agricole. Mein Partner Richard Renoir."

"Ah ... ah so. Sie kommen wegen meines Schwiegervaters. Jetzt verstehe ich."

Die Züge des Arztes entspannten sich.

"Kommen Sie bitte hier herein."

Der Arzt wies auf eine andere Tür, die wohl zu seinem Büro führte.

"Mademoiselle Orphée, bitte vertrösten Sie Madame Herlingue um ein paar Minuten."

Agricole und Richard Renoir betraten das Büro des Arztes, der ihnen folgte. Buongiorno schloss die Tür und drehte sich wieder zu den Kommissaren um, die nebeneinander standen.

"Ich habe nicht viel Zeit ... Sie verstehen. Sie kommen wegen des Todes meines Schwiegervaters, nicht wahr?"

Richard Renoir warf Agricole einen Blick zu. Dieser würde sprechen, während Renoir den Arzt genau beobachten würde. In der Regel sprach nur einer von ihnen mit einem Zeugen, um diesem nicht das Gefühl zu geben, einer Übermacht gegenüberzustehen. Auf dieses Gefühl reagieren viele mit Verschlossenheit oder Verteidigung.

"Sie haben Anzeige gegen Unbekannt erstattet, Monsieur. Wie kommen Sie zu der Annahme, Ihr Schwiegervater sei keines natürlichen Todes gestorben?"

Agricole sprach mit seiner üblichen ruhigen Stimme.

"Ja ... wie soll ich das sagen?"

Richard Renoir wurde bereits ungeduldig, Agricole spürte es genau.

"Mein Schwiegervater war völlig gesund. Und dann ... ich spüre es eben. Ich kenne das von meiner Arbeit. Wissen Sie, was Intuition ist, meine Herren?"

Diese Frage an Agricole zu richten hieß, Eulen nach Athen zu tragen. Der Kommissar war in ganz Paris und darüber hinaus für seine Intuition bekannt.

"Sie meinen, Sie haben das Gefühl, etwas sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, Monsieur. Verstehe ich Sie da richtig? Einen konkreten Anhaltspunkt haben Sie nicht."

Agricole dachte kurz nach.

"Wer profitiert denn von Volkères Tod?"

Emilio Buongiorno zuckte regelrecht zusammen.

"Naa ... türlich meine Frau und ... ich. Aber ... "

"Wir verstehen schon."

Agricole nickte seinem Partner zu.

"Sie hätten sich ja wohl nicht selbst verdächtig gemacht, nicht wahr?"

"Ja, da haben Sie Recht, Herr Kommissar."

"Weiter haben Sie uns nichts zu sagen, Monsieur?"

"Henri hatte jede Woche eine Vorlessestunde. Er liebte das, wissen Sie. Und während dieser Stunde ist er von Madame Cidé völlig unbemerkt verstorben. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

"Cidé? Wie heißt die Dame denn genau?"

Das war Richard Renoir.

"Marguerite Cidé. Sie macht das, glaube ich, hauptberuflich. Eine nette, wenn auch etwas verschrobene ältere Dame."

"Gut, Monsieur Buongiorno. Wenn wir noch etwas wissen wollen, dann melden wir uns. Au revoir. Komm, Richard."