Agricole und Rose Dandon

(Enthalten im Agricole-Band 4, den sie über den shop für nur € 10,- erwerben können)

1.

"Morgen, Aricole. Kommen Sie doch bitte nachher mal in mein Büro."

Polizeipräfekt Bernhard Marou hatte oben auf der Freitreppe des Polizeipräsidiums auf den Kommissar gewartet.

"Guten Morgen, Monsieur le Préfet. Ich muss kurz ins Büro. Dann komme ich zu Ihnen."

Kurz darauf betrat Pierre Agricole sein Büro. Sein Partner, Kommissar Richard Renoir, war, wie üblich, noch nicht da. Also legte Agricole ihm einen Zettel auf den Schreibtisch, als er nach fünf Minuten wieder ging. Er hatte nur schnell etwas in einer Akte nachlesen wollen.

"So, da sind Sie ja, Kommissar. Bitte, setzen Sie sich. Sehen Sie hier, was in der Post war heute", sagte der Präfekt, nachdem sich Agricole ihm gegenübergesetzt hatte.

Er reichte dem Kommissar ein Blatt, auf das Wörter und Buchstaben geklebt waren, die offensichtlich von verschiedenen Zeitungen stammten.

"Schicken Sie den Agricole nach St. Pons. Dann wird er schon sehen", stand da.

"Was soll denn das?", entfuhr es dem Kommissar.

"Paul Greuse hat sich das schon angeschaut, Agricole. Auf die Schnelle hat er keine verwertbaren Spuren gefunden."

Paul Greuse war der Mann im Labor.

"Und was ist mit dem Ort? Ein Ort ist dieses ‚St. Pons‘ ja wohl."

"Hab ich auch schon nachgeschaut. Im Département L‘Hérault gibt es ein St. Pons. Was halten Sie von zwei Wochen Urlaub im Süden, Kommissar? Solange hier nichts zu tun ist, wird Ihr Partner Sie begleiten und beobachten. Vielleicht kriegen wir ja so mehr raus."

Agricole hatte die Augenbrauen gehoben.

"Urlaub hatte ich schon lange nicht mehr, Monsieur le Préfet. Wenn Sie mir das so nahelegen, kann ich ja fast nicht nein sagen. Aber Richard muss ich erst fragen, ob er auch dazu bereit ist."

"Kommen Sie, Sie machen doch sonst auch alles zusammen. Aber bitte, fragen Sie ihn und kommen Sie dann gemeinsam wieder her. Ich muss sagen, dieser anonyme Brief macht mich neugierig. Also dann, bis später, Agricole."

Der Kommissar erhob sich, reichte seinem Vorgesetzten die Hand und verließ nachdenklich dessen Büro.

2.

"St. Pons ... ah, hier."

Richard Renoir hatte eine Karte von Südfrankreich vor sich auf dem Schreibtisch.

"Da geht eine Straße von Bédarieux nach St. Pons. Oje, die geht ja ziemlich über die Dörfer."

Als gebürtiger Pariser hatte Richard Renoir wenig übrig für die kleinen Orte in der Provinz. Die wirklich interessanten Dinge passierten doch immer in der Hauptstadt. Vielleicht noch in Marseille ... oder Lyon. Aber St. Pons? Da war doch der Hund begraben.

"Und da sollen wir beide hin?"

Pierre Agricole stammte aus der Kleinstadt Chartres. Ihm war diese Vorstellung nicht so fremd. Aber für den eleganten Pariser Richard Renoir schien das eine ziemliche Zumutung zu sein.

"Du sollst mich beobachten und gegebenenfalls unterstützen, Richard. Es war Marous Idee, ihm macht das offenbar Spaß."

"Na gut, Pierre. Also fahren wir am Montag mit dem Zug nach St. Pons. Was sagt wohl Christine dazu?"

Christine war Agricoles Frau. Richard Renoir war nicht verheiratet, aber schon eine ganze Zeit mit Renée Audriard aus dem Einwohneramt liiert.

"Dasselbe, wie deine Renée vermutlich", brummte der Gefragte.

Christine hatte dem Vorhaben zugestimmt.

"Du musst mich aber jeden Tag anrufen, Pierre, und berichten."

"Das ist doch selbstverständlich", hatte der gebrummt und seiner Frau den Kopf gestreichelt.

Jetzt saßen die beiden Kommissare Agricole und Renoir in einem alten Bus, der von Montpellier nach St. Pons fuhr. Außer dem etwas größeren Ort Bédarieux lagen nur Dörfer an der Strecke, die zum Beispiel Mons-la-Trivalle oder Olargues hießen. Richard Renoir schaute etwas missmutig aus dem Fenster, während sein Partner die farbenfrohe Einfachheit genoss.

Schließlich erreichte der Bus den alten Ort St. Pons de Thomière. Agricole hatte im Hôtel de France ein Zimmer reserviert, das am zentralen Platz von St. Pons lag. In der kleinen Dreitausend-Seelen-Gemeinde gab es nur eine andere Übernachtungsmöglichkeit, die Pension ‚L’hiradou‘. Dort wollte Richard Renoir während ihres Aufenthaltes wohnen.

3.

Nachdem Agricole seinen Koffer auf sein Zimmer gebracht und nach der langen Fahrt ein frisches Hemd angezogen hatte, begab er sich auf den zentralen Platz hinaus. Die ‚Place de la République‘ war langgezogen und von etlichen alten Platanen überschattet. In der Mitte befand sich der unvermeidliche Brunnen des Südens. Gleich daneben ließ sich der Kommissar nieder und bestellte bei der herbeigeeilten Kellnerin einen Pastis. Als er sich daraufhin umschaute, bemerkte er etwa zwanzig Meter entfernt einen Mann, der ihm nur allzu bekannt vorkam. Agricole nickte seinem Partner unauffällig zu. Hier in St. Pons durften sie sich nicht kennen.

"Monsieur Agricole?"

Der Kommissar fuhr herum. Ein buckliger Mann hatte sich ihm von hinten genähert.

"Sie sind das doch, nicht wahr?"

"Uns sie, wer sind Sie?"

"Das tut nichts zur Sache. Ich soll Ihnen das hier geben."

Der Bucklige reichte Agricole einen versiegelten Briefumschlag.

"Für mich? Sind Sie sicher?"

"Ganz sicher, Monsieur Agricole", war die Antwort.

"Wer ist denn der Absender des Briefes?"

"Lesen Sie nur. Alles Wichtige steht im Brief."

Der Bucklige drehte sich um und entfernte sich schneller, als man es von ihm erwartet hätte.

Der Kommissar drehte den Briefumschlag in den Händen, um ihn von beiden Seiten anzuschauen, befühlte ihn dann und öffnete ihn schließlich vorsichtig. Als er dabei kurz den Blick hob, fiel ihm auf, dass sein Partner nicht mehr an seinem Platz saß. Offenbar hatte dieser sich an die Fersen des Buckligen geheftet.

Der Brief war kurz: ‚Vielleicht können Sie sich noch an Rose Dandon erinnern, Kommissar. Wenn Sie ihr helfen wollen, kommen Sie heute Abend um neun zu den ‚Caves de Contreil‘. Jeder kann Ihnen sagen, wo das ist.‘

Keine Unterschrift.

Nachdem er den Pastis ausgetrunken und bezahlt hatte, schlenderte der Kommissar langsam und nachdenklich durch den kleinen Ort.

"Mm, Rose Dandon ... an die habe ich schon sehr lange nicht mehr gedacht."

Rose war die Tochter eines Bürgermeisters, die in Agricoles Klasse im Internat gewesen war.

"Ja ... Bürgermeister. Irgendwo im Süden ... vielleicht sogar hier in St. Pons."

4.

"Richard? Bist du das?"

Agricole war in sein Hotelzimmer zurückgekehrt und lag gerade auf dem Bett. Er versuchte sich möglichst genau an Rose Dandon und überhaupt an die Zeit im Internat zu erinnern.

Rose war ein attraktives Mädchen gewesen. Agricole war damals fünfzehn Jahre alt, als sein Großvater Louis Agricole dafür gesorgt hatte, dass sein Enkel Pierre nach Paris in ein Internat kam.

In Agricoles Augen war Rose etwas Besonderes. Er hatte sich sofort in sie verliebt. Aber, schüchtern, wie er damals war, hatte er keine Chance bei der selbstbewussten Rose gehabt. Sie waren nur ein paar Mal miteinander ausgegangen. Und diese Rose Dandon schien jetzt in Gefahr zu sein, oder jedenfalls seine Hilfe nötig zu haben.

"Ja, Pierre. Wer sollte es denn sonst sein?"

Nach den Hintergrundgeräuschen zu schließen, befand sich Richard Renoir in einer Bar.

"Ich habe diesen Buckligen verfolgt, weißt du. Der ist durch ein paar der kleinen Gassen geeilt, wohl, um nicht aufzufallen. Schließlich kamen wir wieder zur Place de la République. Und, weißt du, wo er dann verschwunden ist? Im Rathaus, es gibt da an der Seite eine kleine Tür. Da ist er rein."

"Sehr gut, Richard. Das klingt sehr interessant. Ich habe mittlerweile den Brief gelesen, den der Bucklige mir gebracht hat. Da ist von einer Frau die Rede, die damals in meiner Internatsklasse war. Ich war sogar ein bisschen ... in sie ... verliebt; Rose Dandon. Die war die Tochter eines Bürgermeisters irgendwo im Süden. Vielleicht sogar hier in St. Pons. Merkwürdig, nicht?"

Agricole hatte sich aufgesetzt.

"Der Briefeschreiber schlägt heute Abend ein Treffen vor für den Fall, dass ich Rose helfen will. Tja, da muss ich wohl hin, Richard. Am Besten folgst du mir unauffällig. Jetzt muss ich erst mal rauskriegen, wo diese ‚Caves de Contreil‘ sind. Ich werde mal hier im Hotel fragen. Gib mir doch eine Telefonnummer, wo ich dich erreichen kann, Richard."

Agricole schrieb die Nummer der Pension und zusätzlich die einer Bar an der Place de la République in sein Notizbuch. Anschließend fragte er an der Rezeption, wo diese Höhlen waren und wie man hingelangen konnte. Und schließlich rief er in Paris seine Frau an, um sie auf dem Laufenden zu halten.